3. Juli 2026

FREILIEBEN

Es gibt zwei fundamentale Arten, sich selbst und dem Leben zu begegnen. 

Die erste ist die, die wir alle schon früh gelernt haben.

Wir versuchen, Wut zu kontrollieren.
Neid zu überwinden.
Faulheit zu bekämpfen.
Süchte zu besiegen.
Traumata zu managen.
Unsere Gedanken zu optimieren.

Wir ersetzen das vermeintlich Schlechte durch etwas vermeintlich Gutes.

Disziplin statt Chaos.
Positives Denken statt Angst.
Leistung statt Ohnmacht.
Kontrolle statt Kontrollverlust.

Vieles davon war uns in einem früheren Stadium dienlich und auch für das Überleben absolut notwendig.

Und doch geschieht dabei immer etwas subtiles.

Ich trenne mich von einem Teil meines eigenen Seins.

Da ist ein Teil von mir, den ich nicht haben möchte.

Also kämpfe ich gegen ihn.

Vielleicht erfolgreich.
Vielleicht sogar jahrelang.

Doch der Kampf bleibt bestehen.

Denn der Teil verschwindet nicht.

Er wird lediglich kontrolliert.

So entsteht Trennung in uns.

Es gibt jedoch noch einen anderen Weg.

Ich nenne ihn Freilieben.

Freilieben bedeutet nicht, jeder Bewegung blind zu folgen.

Es bedeutet auch nicht, Wut auszuagieren oder einer Sucht nachzugeben.

Freilieben bedeutet, allen inneren Bewegung die Erlaubnis zu geben, da sein zu dürfen.

Ohne sie verändern zu wollen.

Ohne sie zu bewerten.

Ohne gegen sie zu kämpfen.

Sie einfach wahrzunehmen.

Sie da sein zu lassen.

In meinem Herzen.

Nicht in meinem Kopf, in dem ich beginne zu bewerten, zu analysieren und in den Widerstand gehe.

Sondern in dem Raum, der alles hält.

Meinem Herzraum.

Dort muss nichts repariert werden.

Nichts verbessert.

Nichts überwunden.

Dort darf alles einfach sein.

Und genau dort geschieht etwas für den Verstand unglaubliches.

Der Kampf hört auf.

Nicht weil ich gewonnen habe.

Sondern weil niemand mehr kämpft.

Die Trennung beginnt sich aufzulösen.

Erst jetzt kann etwas fließen, das vorher gar nicht fließen konnte.

Bedingungslose Liebe. 

Denn wie sollte Liebe bedingungslos sein, solange sie sagt:

“Alles, nur dieser Teil von mir nicht.”

Solange ich Bedingungen stelle, bleibt Liebe begrenzt.

Erst wenn auch dieser Teil willkommen ist, kann Liebe vollständig fließen.

Und genau dadurch verändert sich alles.

Nicht durch Druck.

Nicht durch Disziplin.

Nicht durch Leistung.

Sondern durch Annahme.

Plötzlich beginnt der Teil, gegen den ich so lange gekämpft habe, seine eigentliche Intention zu zeigen.

Übermäßiges Leisten wollte mich vielleicht vor Ablehnung schützen.

Perfektionismus wollte verhindern, dass ich ausgestoßen werde.

Die Opferrolle wollte mich vor weiterer Verletzung bewahren.

Vermeidung wollte mich vor Schmerz schützen.

Sucht wollte mich von einem Gefühl erlösen, das damals zu groß war.

Jeder dieser inneren Anteile hatte irgendwann eine gute Absicht.

Er war niemals gegen mich.

Er war immer für mich.

Nur die Form und der Ausdruck ist durch den ständigen Kampf irgendwann nicht mehr dienlich geworden.

Wenn dieser Anteil jedoch endlich gesehen wird, muss er nicht länger kämpfen.

Er entspannt sich.

Er wird frei.

Und er kehrt zurück.

Nicht mehr als Gegner.

Sondern als Teil meines eigenen Wesens.

Das ist Vereinigung.

Nicht ich besiege einen Teil von mir.

Nicht der gute Teil gewinnt gegen den schlechten.

Sondern beide lösen sich in etwas Größerem auf.

Es entsteht etwas Drittes.

Etwas, das vorher nicht da war.

Ein neues Sein.

Mehr Frieden.

Mehr Klarheit.

Mehr Wahrheit.

Nicht gemacht.

Sondern geboren.

Vielleicht besteht Entwicklung gar nicht darin, ein besserer Mensch zu werden.

Vielleicht besteht sie darin, immer weniger gegen sich selbst zu kämpfen.

Vielleicht ist Vollkommenheit nichts, das erreicht werden muss.

Vielleicht erscheint sie ganz von selbst, sobald nichts mehr ausgeschlossen wird.

Freilieben ist deshalb keine Methode, kein weiteres Tool, was diszipliniert umgesetzt werden muss.

Es ist eine Lebensweise.

Ein immer wiederkehrendes Erinnern an den Herzraum.

Ein Leben, in dem jede neue Bewegung willkommen ist.

Nicht weil sie angenehm ist.

Sondern weil sie zu mir gehört.

Mit jeder Einladung wird die Trennung ein wenig kleiner.

Der Kampf etwas stiller.

Mit jedem willkommenen Anteil, weitet sich der Herzraum.

Und langsam geschieht etwas, das sich nicht erzwingen lässt.

Das Wahre beginnt sichtbar zu werden.

Nicht weil ich es erschaffen habe.

Sondern weil nichts mehr im Weg steht.